Wer bringt uns Demokratie bei?
Shownotes
In dieser Folge sprechen Victoria Strachwitz und Michael Seberich mit Annette Schavan, Vorstandsvorsitzende der Hertie Stiftung, ehemalige Bundesbildungsministerin und Botschafterin darüber, wie Demokratiebildung aussieht und wer sie alles leistet. Nach einem genaueren Blick auf Stiftungsarbeit, blicken sie auf die Zivilgesellschaft als Akteurin, sowie aktuelle politische Geschehnisse und die Frage, wie wir unsere Demokratie erhalten.
Unsere Argumentationshilfen:
„Demokratie lernt man in der Schule.“ Schule spielt dabei eine zentrale Rolle. Demokratie entsteht aber nicht nur im Klassenzimmer, sondern überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, diskutieren, Kompromisse finden und sich für andere engagieren: im Verein, im Ehrenamt, in der Familie oder im Alltag. Entscheidend ist also das Zusammenspiel von Schule und Zivilgesellschaft: Demokratie muss nicht nur vermittelt, sondern auch erlebt und praktiziert werden.
„Demokratieförderung ist allein Aufgabe des Staates.“ Der Staat trägt hier selbstverständlich Verantwortung. Eine lebendige Demokratie lebt aber genauso von Stiftungen, Vereinen, Initiativen und engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Gerade dieser vorpolitische Raum ist wichtig, weil dort demokratische Erfahrungen gesammelt werden, lange bevor Menschen vielleicht selbst politisch aktiv werden. Demokratieförderung ist deshalb eine gemeinsame Aufgabe von Staat und Zivilgesellschaft.
„NGOs sollten sich aus Politik heraushalten.“ Zivilgesellschaft lebt davon, dass Menschen ihre Anliegen vertreten und in gesellschaftliche Debatten einbringen. NGOs können wichtige Debatten anstoßen und politische Diskurse vorbereiten, die später auch in die Politik einfließen. Entscheidend ist deshalb nicht, ob sie sich politisch äußern, sondern wie: transparent, demokratisch und im Rahmen der freiheitlichen Ordnung. Dabei sollte man zwischen politisch und parteipolitisch unterscheiden: Zivilgesellschaft sollte nicht parteipolitisch sein und kann trotzdem dabei politisch sein. Sie darf Positionen vertreten, Debatten anstoßen und gesellschaftliche Veränderungen anregen. Genau darin liegt ihre wichtige Funktion als Debatten- und Erfahrungsraum unserer Demokratie.
Quellen zur Folge: Gemeinnützige Hertie-Stiftung. https://www.ghst.de/
Impressum
Gefördert durch: Robert Bosch Stiftung und Schöpflin Stiftung Eine Produktion von: Maecenata Stiftung und Wider Sense Redaktion & Konzept: Victoria Strachwitz, Michael Seberich Produktionsteam: Lisa Klisch (verantwortlich), Anna Henke, Ansgar Gessner, Sascha Nicke, Pauline Fritz Gestaltung: Joerg Solzbacher, Lisa Klisch
Transkript anzeigen
Track 1: Wer mehr Demokratie wagen will, muss mehr Bildung, Wissenschaft und Kultur wagen.
Track 1: Dass nicht alle gleich denken, das ist der große Wert der Demokratie.
Track 1: Wir sind keine uniforme Gesellschaft. Die NGO-Debatte.
Track 1: Ein Podcast von Viktoria Strachwitz und Michael Seberich.
Track 1: Hallo Viktoria. Hallo Michael. Wenn wir in den vergangenen Folgen über Engagement
Track 1: gesprochen haben, sind wir immer wieder bei der Demokratie gelandet.
Track 1: Ganz gleich ob Umwelt, Sport, Integration oder Unternehmen. Immer ging es irgendwann um dieselbe Frage.
Track 1: Was hält unsere Demokratie eigentlich zusammen?
Track 1: Bisher haben wir vor allem darüber gesprochen, wo Demokratie gelebt wird.
Track 1: Heute wollen wir wissen, wie Menschen überhaupt zu demokratischen Bürgern und Bürgerinnen werden.
Track 1: Lernt man Demokratie in der Schule und übt sie dann im Alltag,
Track 1: im Verein, im Ehrenamt und in der Familie.
Track 1: Womit wir dann im Übrigen auch wieder bei der Zivilgesellschaft wären.
Track 1: Wer trägt denn dafür Verantwortung, dass die Bürger Demokratie können und zu schätzen wissen?
Track 1: Der Staat, die Schulen, die Zivilgesellschaft oder einfach alle Akteure?
Track 1: Darüber sprechen wir heute mit Annette Schawan. Sie war Kultusministerin,
Track 1: Bundesbildungsministerin, deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl und ist heute
Track 1: Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Hertie Stiftung.
Track 1: Eine Stiftung, die sich seit vielen Jahren für Demokratie, Bildung und gesellschaftlichen
Track 1: Zusammenhalt engagiert.
Track 1: Liebe Frau Schawan, herzlich willkommen bei der NGO-Debatte. Vielen Dank.
Track 1: Frau Schawan, Sie waren viele Jahre in der Politik. Heute stehen Sie an der
Track 1: Spitze der Hertie-Stiftung.
Track 1: Warum haben Sie sich entschieden, nach Ihrer politischen Laufbahn in eine Stiftung zu wechseln?
Track 1: Ich bin in eine Stiftung gewechselt, weil ich davon überzeugt bin,
Track 1: die Zivilgesellschaft ist bedeutsam.
Track 1: Aus der Zivilgesellschaft müssen Impulse kommen.
Track 1: Zivilgesellschaft kann bei manchem Thema avant-garde sein, also vorangehen,
Track 1: unkompliziert, ohne große Apparate, arbeiten.
Track 1: Und das hat sich auch bestätigt in den zwei Jahren. Die gemeinnützige Hertie
Track 1: Stiftung kann ganz gezielt Kooperationen eingehen, neue Themen aufwerfen.
Track 1: Wir sind gerade in einem Leitbildprozess.
Track 1: Also Wechsel in eine flexible Welt.
Track 1: Viele kennen ja den Namen Hertie. Einige kennen die Hertie-Stiftung.
Track 1: Ich weiß immer noch aus meiner Zeit in einer Stiftung, dass eigentlich die einzige
Track 1: Stiftung, die die Menschen auf der Straße kennen, ist die Stiftung Warentest.
Track 1: Aber was macht denn eigentlich die Hertie-Stiftung ganz konkret?
Track 1: Die Hertie-Stiftung fördert Wissenschaft.
Track 1: Wissenschaft, vor allem Neurowissenschaften, mit eigenen zwei Instituten in Tübingen.
Track 1: Sie fördert Good Governance mit der Hertie School hier in Berlin,
Track 1: die vor 25 Jahren gegründet wurde, weil man gesagt hat, es ist so viel in Bewegung,
Track 1: wir müssen die Frage immer wieder neu beantworten.
Track 1: Was gehört zu Good Governance? Eine Hochschule, die stark international ausgerichtet ist.
Track 1: Hertie ist Trägerin von Jugenddebattiert, ein ganz wichtiger Akzent,
Track 1: Debattenkultur für junge Generationen und eine Reihe von Projekten der Demokratiebildung.
Track 1: Und jetzt Weimarer Kolleg, wir wollen europäischer werden.
Track 1: Führungskräfte aus Polen, Frankreich und Deutschland kommen da zusammen.
Track 1: Auch das ist stärker geworden in den letzten Jahren, der Blick auf Europa und
Track 1: die Frage, was hält Europa zusammen?
Track 1: Warum ist das stärker geworden? Warum Demokratie, Bildung, gesellschaftlicher
Track 1: Zusammenhalt? Warum diese Themen und,
Track 1: warum ist das stärker geworden? Die Themen gab es von Anfang an.
Track 1: Die Stiftung ist jetzt 25 Jahre.
Track 1: Aber in den 25 Jahren hat sich enorm viel verändert.
Track 1: Es gibt viel Privatisierung. Die Individualisierung ist jetzt komplett in der Politik angekommen.
Track 1: Das, was wir Stammwähler genannt haben, Stammwählerin, ist nahezu verschwunden.
Track 1: Also die politische Landschaft ist in einer Bewegung, die nicht einfach positiv
Track 1: ist, sondern womit vieles in Frage gestellt wird, bis hin dazu,
Track 1: dass die Parteien, die demokratischen Parteien der Mitte eigentlich immer wussten,
Track 1: der sogenannte vorpolitische Raum ist total wichtig für uns.
Track 1: Heute scheinen manche das zu vergessen.
Track 1: Ist die Geschichte der Hertie Stiftung auch untrennbar mit der Enteignung der
Track 1: jüdischen Familie Tietz verbunden?
Track 1: Welche Bedeutung hat diese Geschichte heute für die Arbeit der Stiftung?
Track 1: Sie hat eine große Bedeutung, weil damit ja Verantwortung verbunden ist.
Track 1: Deshalb gibt es einen Förderbereich Jüdisches Leben mit einem nach Hermann Tietz
Track 1: benannten Fonds, mit dem wir Initiativen fördern zur politischen Bildung.
Track 1: Zur Bildung, die in Schulen und auch von Initiativen organisiert aufgreift,
Track 1: was sich da an schlimmen Entwicklungen ergeben hat, wenn ich nur das Stichwort Antisemitismus nenne.
Track 1: Die Geschichte ist auch aufgearbeitet in einer Veröffentlichung,
Track 1: aber wir haben gesagt, es reicht nicht ein Buch schreiben zu lassen,
Track 1: das im Regal steht, Sondern in dem Moment haben wir begonnen,
Track 1: diesen Fachbereich aufzubauen,
Track 1: bis hin auch zu Kooperationen mit Institutionen in Israel,
Track 1: solchen, die stark in der israelisch-deutschen Vermittlungsarbeit stehen,
Track 1: mit Wissenschaftsinstitutionen wie dem Weizmann-Institut oder der Hebräischen Universität.
Track 1: Ich würde gerne nochmal ganz kurz zurück zur Demokratie oder auch dem Wandel der Gesellschaft.
Track 1: Die Demokratie zu stärken war ja eigentlich immer Aufgabe des Staates auch.
Track 1: Warum braucht es dafür zusätzlich Stiftungen? Oder braucht es jetzt eben umso mehr?
Track 1: Nun, Demokratie heißt ja Souveränität des Volkes.
Track 1: Alle Gewalt geht vom Volk aus. Wenn ich also an Demokratie denke,
Track 1: dann denke ich nicht zunächst an den Staat,
Track 1: sondern daran, dass Demokratie Demokraten braucht, also eine Gesellschaft,
Track 1: in der es demokratische Grundhaltungen gibt,
Track 1: in denen um den Sinn von Zusammenleben,
Track 1: Gemeinsinn, Gemeinwohl gewusst wird und dafür betrifft.
Track 1: Ist die breite Landschaft an Vereinen, Verbänden, Initiativen ja Übungsfeld.
Track 1: Was wir in der Gesellschaft nicht einüben, nicht praktizieren,
Track 1: was uns nicht selbst leidenschaftlich beschäftigt, das wird auch kein Staat leisten können.
Track 1: Stiftungen haben ja unter anderem
Track 1: den großen Vorteil, die können langfristiger denken als die Politik.
Track 1: Ist das eine Stärke, die Sie auch ausspielen in der Hertig-Stiftung?
Track 1: Ja, langfristig, flexibel, immer mal wieder auch, was begonnene Projekte angeht, feinjustieren.
Track 1: Es sind die Stiftungen für mich sowas wie Schnellboote. Ein Ministerium ist
Track 1: eher so ein großer Tanker.
Track 1: Eine ganze Regierung ist ein noch größerer Tanker. Und wir kennen all die Debatten,
Track 1: wie viel Bürokratie da notwendig ist, was für Regeln eingehalten werden müssen,
Track 1: selbstverständlich auch im Verhältnis zum Parlament.
Track 1: Eine Stiftung ist da Schnellboot und das finde ich in Zeiten,
Track 1: wo alle von Transformation sprechen, so wichtig.
Track 1: Auch Stiftungen können Gefahr laufen, bürokratisch zu werden übrigens.
Track 1: Auch Stiftungen können Gefahr laufen, so Führungskulturen zu entwickeln,
Track 1: die eigentlich kein Mensch mehr braucht.
Track 1: Die große Chance haben sie, es anders zu machen, beweglich zu bleiben und zu
Track 1: zeigen, es geht auch anders.
Track 1: Denn offenkundig ist ja in Deutschland es bislang so, dass manche Transformation
Track 1: auch verhindert wird, weil es Führungskulturen gibt, die Transformationen ja
Track 1: gar nicht wirklich wollen,
Track 1: sondern in den alten Kategorien denken, in denen Bewegung eher für gefährlich gehalten wird.
Track 1: Das wäre jetzt der Moment, wo ich sagen würde, wir müssen jetzt eigentlich mal
Track 1: 10 Sekunden Denkpause machen, weil das sollte die Leute sehr nachdenklich machen.
Track 1: Ich hatte gestern die Möglichkeit auf dem Schweizer Stiftungssymposium die Sternstunde,
Track 1: so nennen die das dort, zu moderieren und da ging es auch um das Thema Demokratie und Stiftungen.
Track 1: Und eine Frage, die da immer wieder kam, war natürlich, sind Stiftungen immer
Track 1: nur förderlich für eine Demokratie oder sind sie nicht auch manchmal eine Behinderung,
Track 1: weil sie natürlich auch mit einem Privileg ausgestattet sind, sie haben Vermögen etc.
Track 1: Gibt es für Sie so Spielregeln, wo Sie sagen, Stiftungen müssen in so einer
Track 1: Demokratie auch behutsam sein?
Track 1: Nun zunächst einmal ist ja positiv, dass Vermögen, das es in der Gesellschaft
Track 1: gibt, im Sinne des Gemeinwesens eingesetzt wird. Und das würde ich für einen
Track 1: wichtigen Grundsatz halten.
Track 1: Wir sind ausgerichtet auf das Gemeinwesen, auf Gemeinwohl und auf das,
Track 1: was Gemeinwesen und Gemeinwohl stärkt.
Track 1: Es gibt diesen legendären Satz von Willy Brandt, womit er eine Wahlkampagne
Track 1: geführt hat, mehr Demokratie wagen.
Track 1: Jörg Hacker, der frühere Präsident der Leopoldina unserer Nationalakademie der
Track 1: Wissenschaft, hat den weitergeführt und gesagt, wer mehr Demokratie wagen will,
Track 1: muss mehr Wissenschaft wagen.
Track 1: Und ich füge jetzt nochmal eine Variante hinzu und sage, wer mehr Demokratie
Track 1: wagen will, muss mehr Bildung und Wissenschaft und Kultur wagen.
Track 1: Das denke ich ist so der rote Faden, wenn ich an die Stiftung so um uns herum
Track 1: denke, dann arbeiten sie alle irgendwie in diesen Bereichen.
Track 1: Und wenn eine Stiftung sagt, wir haben aber nochmal ein einziges anderes Thema, ja, das ist Vielfalt.
Track 1: Und wir dürfen nicht auf die Idee kommen zu sagen, weil da eine Stiftung Sachen
Track 1: macht, die ich eigentlich blöd finde.
Track 1: Ist Stiftung blöd. Ja, so ist Demokratie.
Track 1: Das ist die Vielfalt, das ist der große Wert der Demokratie,
Track 1: dass nicht alle gleich denken und wir sind keine uniforme Gesellschaft.
Track 1: Das ist ja im Moment so etwas, das so kritisch betrachtet wird und von dem ich glaube,
Track 1: das müssen wir mit Leidenschaft verteidigen, nicht jede und jeder in seiner
Track 1: und ihrer Blase, sondern Interesse, Neugierde,
Track 1: auf andere Meinungen, auf andere Strategien.
Track 1: Und immer wieder das verbunden mit der Frage, hilft uns das auch wirklich beieinander
Track 1: zu bleiben in einem freiheitlich demokratischen Gemeinwesen.
Track 1: Wir diskutieren nachher nochmal, ob da auch noch dazu gehört,
Track 1: mehr Zivilgesellschaft wagen.
Track 1: Ja, das würde ich jetzt direkt diskutieren wollen. Also nicht nur Stiftungen,
Track 1: sondern eben gehört dazu auch mehr Zivilgesellschaft wagen für die Demokratie.
Track 1: Also braucht eine Demokratie eine starke Zivilgesellschaft? Also wenn ich sie richtig verstehe, ja.
Track 1: Ja klar, weil Demokratie Demokraten braucht.
Track 1: Es dürfen in der Zivilgesellschaft nur nicht zu viele sein, die zivilgesellschaftliches
Track 1: Engagement verwechseln mit die eigene Blase pflegen.
Track 1: Das ist ja die eigentliche Gefahr, in der wir gerade stehen und davon überzeugt
Track 1: sind, dass nur die eigene Blase recht hat und die Blasen drumherum nicht relevant oder.
Track 1: Nicht interessant sind. Die Stiftungslandschaft, das zeigt ja der jeweilige,
Track 1: jährliche Stiftungstag, die Stiftungslandschaft,
Track 1: das sind viele, die auch neugierig auf die Programme der anderen sind,
Track 1: die sich viel austauschen und die letztlich ja auch gemeinsam darüber nachdenken
Track 1: müssen, wie geht es mit diesem Land und dieser Gesellschaft weiter.
Track 1: Wir sprechen in diesem Podcast ja mit ganz unterschiedlichen Akteuren der Zivilgesellschaft.
Track 1: Und die Frage, die ich Ihnen jetzt gleich stelle, habe ich so oder so ähnlich
Track 1: schon ein paar Mal gestellt.
Track 1: Aber ich finde sie wichtig und möchte sie auch Ihnen stellen.
Track 1: Was meinen Sie, was kann die Zivilgesellschaft leisten, was Staat und Politik allein nicht können?
Track 1: An der Akzeptanz von vielem Arbeiten, das nicht selbstverständlich ist,
Track 1: aber für eine Demokratie bedeutsam.
Track 1: An der Haltung arbeiten, mit der ich auch einer demokratisch gewählten Politik,
Track 1: Regierung, Parlamenten gegenüberstehe.
Track 1: Wir erleben ja, manche nennen es Autoritätsverfall.
Track 1: Ich sage, wir erleben einen Umgang mit Menschen, die sich für diese Gesellschaft
Track 1: einsetzen, auch übrigens im Ehrenamt, nicht nur in der Politik,
Track 1: im Mandat, die der Demokratie schadet,
Track 1: die damit verbunden ist, sie lächerlich zu machen.
Track 1: Sie auch rhetorisch zu bedrohen, förmlich.
Track 1: Der Ton hat sich verändert und ich glaube, Stiftungen können auf den Ton achten,
Track 1: auf Haltung achten und eben Akzente setzen, die aufmerken lassen.
Track 1: Und das finde ich zunehmend wichtig, was in diesem Wort Avantgarde steckt, voranzugehen,
Track 1: Dinge auf den Weg zu bringen, Dinge zu entwerfen oder Themen zu erarbeiten,
Track 1: die vielleicht noch nicht zum Mainstream gehören.
Track 1: Stiftungen sollten nach Möglichkeiten nicht dauernd dem Mainstream nachlaufen,
Track 1: sondern Akzente setzen, die aufmerken und wo deutlich wird,
Track 1: da kommt ja etwas auf uns zu, das wichtiger ist, als wir dachten oder das uns
Track 1: einen neuen Weg aufzeigt.
Track 1: Da sind wir ja bei dem vorpolitischen Raum.
Track 1: Das ist ja etwas, was mich in der ganzen Diskussion, in diesem Podcast so ein
Track 1: bisschen sprachlos lässt.
Track 1: Und da kann man sicherlich nachher noch mal dazu, dass bestimmte Seiten aus
Track 1: der Politik auf einmal der Zivilgesellschaft diesen vorpolitischen Raum,
Track 1: wegnehmen wollen, in Anführungsstrichen. Und das, weiß ich, wie Sie das beobachten,
Track 1: aber das lässt mich immer wieder sprachlos, weil ich dachte,
Track 1: eigentlich, da haben wir in unserer demokratischen Gesellschaft einen Konsens drüber.
Track 1: Ja, wir dachten ja, dass wir über vieles Konsens haben.
Track 1: Das ist sozusagen vielleicht auch die Illusion der Boomer-Generation, zu der ich gehöre.
Track 1: Wir waren davon überzeugt, die Freiheit hat gesiegt bei der Wiedervereinigung
Track 1: Europas. Wir waren davon überzeugt, diese Freiheit ist so attraktiv,
Track 1: dass niemand sich dem entziehen kann,
Track 1: Und damit war viel Konsens in diesem und jenem verbunden.
Track 1: Und nun erleben wir, was eigentlich ja auch stimmt. Jede Generation muss es
Track 1: sich neu erkämpfen. Demokratie fährt nicht vom Himmel. Demokratie ist nicht
Track 1: ein für allemal gesichert. Demokratie.
Track 1: Die damit verbundene Vielfalt, die damit verbundene Freiheit,
Track 1: sie ist auch anstrengend.
Track 1: Es finden sie nicht alle attraktiv.
Track 1: Wir haben uns da auch vielleicht eben in Teilen einer Illusion hingegeben und
Track 1: jetzt müssen wir jetzt wach werden.
Track 1: Und uns beschäftigen mit denen, die sagen, ich finde es überhaupt nicht attraktiv.
Track 1: Ich möchte Sicherheit, ich möchte, dass sich der Staat um mich kümmert,
Track 1: ich möchte nicht dauernd selbst entscheiden müssen und ich will auch nicht mit
Track 1: allem Möglichen konfrontiert werden, das mich nicht interessiert,
Track 1: das ich für Quatsch halte oder wie auch immer.
Track 1: Das ist jetzt eine offenkundig werdende Sache.
Track 1: Und klar, wer sich darauf einlässt, im politischen Spektrum.
Track 1: Der findet auch, dass er die Zivilgesellschaft in den Griff bekommen muss.
Track 1: Der will nicht nur ins Parlament oder in die Regierung, sondern der will die
Track 1: Zivilgesellschaft in den Griff bekommen.
Track 1: Der will neue Tabus, der will im Zweifelsfall auch kontrollieren,
Track 1: was im vorpolitischen Raum geschieht.
Track 1: Und die Parteien der Mitte haben immer gelebt vom vorpolitischen Raum,
Track 1: daraus Personal rekrutiert, daraus neue Ideen gewonnen.
Track 1: Und all das, was sich da im sogenannten vorpolitischen Raum abgespielt hat oder
Track 1: abspielt, ist Übungsfeld für die Demokratie.
Track 1: Wo verläuft denn für Sie die Grenze zwischen berechtigter Kritik und einer pauschalen
Track 1: Dedegitimierung zivilgesellschaftlicher Organisationen?
Track 1: Die Kritik ist Teil von freiheitlicher Demokratie.
Track 1: Ein Format, das ich als Politikerin gepflegt habe, hieß 90 Minuten mit Annette
Track 1: Schawan in meinem Wahlkreis.
Track 1: 59 Gemeinden und eine Universitätsstadt und da ging es heiß her,
Track 1: freitagsabends, weil die, die gekommen waren,
Track 1: darüber gesprochen haben, was ihnen auf den Keks geht, was sie falsch finden,
Track 1: worüber sie sich granatenmäßig ärgern.
Track 1: Und ich konnte berichten von dem, was im Deutschen Bundestag diskutiert worden
Track 1: war oder beschlossen worden war.
Track 1: So, das war hitzige Debatte, die natürlich auch länger als 90 Minuten ging.
Track 1: Wie oft habe ich am Ende eines solchen Abends gehört?
Track 1: Ich bin überhaupt nicht in allem Ihrer Meinung, aber das war ein super Abend.
Track 1: Und das braucht es regelmäßig im Gespräch bleiben, auch wenn ich angeschrieben
Track 1: werde oder kritisiert werde. Ich meine, wer sich nicht kritisieren lassen will,
Track 1: darf nicht in die Politik gehen.
Track 1: Das ist ein Labor.
Track 1: In dem Kritik eine ganz große Rolle spielt. Da geht es dann um Sachthemen.
Track 1: Da geht es um Entwicklungen.
Track 1: Es ist leider Gottes eine fließende Grenze hin zu Delegitimierung beziehungsweise,
Track 1: zu einer Hinwendung, ja nahezu zur Vernichtung derer, die anders denken als ich.
Track 1: Und das ist zutiefst undemokratisch. Das zerstört Demokratie.
Track 1: Wenn ich meine politischen Mitbewerber zerstören will, zerstöre ich Demokratie.
Track 1: Weil Demokratie heißt, es gibt politische Gegner, aber keine politischen Feinde.
Track 1: Jetzt haben wir diesen Podcast angefangen, da hat dieser Partei,
Track 1: der Sie lange angehören, eine kleine Anfrage im Bundestag gestellt und das war
Track 1: so der Ausgangspunkt für unsere Diskussion. Jetzt sind wir aber schon wieder
Track 1: in einem ganz anderen Kontext.
Track 1: An diesem Sonntag gab es eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt,
Track 1: die AfD hat eindeutig die Mehrheit gewonnen.
Track 1: Was ist Ihre Sorge da, was da gerade passiert?
Track 1: Weil wir ja auch in dem Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt stehen ja schon
Track 1: einige explizite Dinge auch dazu drin, wie man Kulturpolitik und wie man auch
Track 1: Zivilgesellschaft einschränken will.
Track 1: Nun, die kleine Anfrage war ja schon keine gute Idee,
Track 1: weil die Union, sie nennt sich ja Union und es heißt für CDU und CSU, dass sie von Beginn an,
Track 1: darauf ausgerichtet war, diesen vorpolitischen Raum, wie wir das früher genannt
Track 1: haben, also heute sagen wir die Zivilgesellschaft ernst zu nehmen,
Track 1: Kräfte zusammenzuführen, eben nicht zu spalten.
Track 1: Und das Potenzial auch zu erkennen, das für eine Volkspartei im Volk steckt.
Track 1: Jetzt aber in der Tat, jetzt kann man sagen, ja, das war fast schon eine Spielerei.
Track 1: Wie gesagt, keine Kluge.
Track 1: Man muss sich immer an die eigene Tradition erinnern.
Track 1: Man muss sich erinnern an das, was die eigene Partei groß gemacht hat.
Track 1: Gilt für die SPD genauso.
Track 1: Oder die Grünen. Die Parteien der Mitte müssen jetzt sehr viel stärker als noch
Track 1: vor zehn Jahren ihre Gemeinsamkeiten entdecken. Sie müssen über ihre Gemeinsamkeiten sprechen.
Track 1: Sie müssen das, was wir Mitte, politische Mitte nennen, demokratische Mitte
Track 1: nennen, sie müssen das mit Leben füllen, auch sprachlich, rhetorisch.
Track 1: Die Menschen müssen verstehen, worin sich die demokratische Mitte fundamental,
Track 1: von der Radikalisierung der Politik unterscheidet.
Track 1: Und jetzt gibt es eben diesen ganz anderen Hang der Radikalisierten,
Track 1: die finden, dass eine Zivilgesellschaft man in den Griff bekommen muss.
Track 1: Und das ist undemokratisch. Und das ist damit verbunden, dass sie nicht ertragen,
Track 1: dass es ein breites Spektrum an Meinungen gibt,
Track 1: dass ihnen die Demokratie zu kompliziert vorkommt.
Track 1: Und deshalb wird ja in Sachsen-Anhalt schon jetzt davon gesprochen,
Track 1: und zwar nicht von irgendwem, sondern von den,
Track 1: Vorsitzenden, vom Spitzenkandidaten der AfD zum Beispiel, was alles dann nicht
Track 1: mehr finanziert werden soll,
Track 1: welche Kontakte abgebrochen werden.
Track 1: Und als jemand, der den Kirchen sehr nahe steht, aus der Theologie kommt,
Track 1: finde ich, so etwas haben wir noch nicht erlebt, wie den jetzigen Angriff auf kirchliche Arbeit,
Track 1: auf Einrichtungen der Kirchen, der Religionsgemeinschaften,
Track 1: In der gesamten Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und sie wird in zwei Jahren 80.
Track 1: Jahre Grundgesetz und in den ganzen 80 Jahren sind Demokraten,
Track 1: Demokratinnen zutiefst davon überzeugt, dass das Wirken der Kirchen große Bedeutung hat.
Track 1: Dieser Gesellschaft eine andere Temperatur, hat Wolfgang Kiese immer gesagt, gibt.
Track 1: Und nun wird ohne große Entrüstung erklärt, dass das eigentlich alles weg müsse,
Track 1: weil es den eigenen Ansichten nicht entspricht, weil man sich angegriffen fühlt.
Track 1: Also Demokraten haben in den nächsten Jahren richtig viel zu tun,
Track 1: weil auch diese Debatten geführt werden.
Track 1: Die anderen dürfen nicht alle dabei stehen und zuschauen, was da jetzt alles
Track 1: Schlimmes passiert, sondern es müssen die Debatten geführt werden und es muss klargemacht werden.
Track 1: Was in diesen 80 Jahren sich entwickelt hat, sich weiterentwickeln und nicht
Track 1: zurechtgestutzt werden darf.
Track 1: Aufgrund dieser gesunkenen Temperatur und dem Druck auf Kirchen und Zivilgesellschaft,
Track 1: mache ich mir ein bisschen Sorgen um die Demokratie.
Track 1: Aufgrund Ihres Hintergrunds, wie steht es denn um die Demokratie?
Track 1: Wie geht es Ihnen in der Situation?
Track 1: Besorgt sind wir alle. Und dann müssen wir aufpassen, uns nicht als Opfer zu,
Track 1: verstehen. Wir sind keine Opfer, wir sind Demokraten, Demokratinnen,
Track 1: die jetzt gefragt sind, nicht zuzuschauen.
Track 1: Und man muss nicht ein Mandat haben, um aktiv zu werden, sondern die Demokratie
Track 1: steckt voller Potenzial, es steckt voller Möglichkeiten und die müssen jetzt genutzt werden,
Track 1: um aus der Zivilgesellschaft heraus zu sagen, wovon wir überzeugt sind,
Track 1: das zu leben, zu praktizieren.
Track 1: Dann gehört dazu eben auch, dass die Stimmen derer,
Track 1: die so eine plurale Gemengelage oder so eine vielfältige, kulturell auch religiös
Track 1: vielfältige Gesellschaft wichtig finden,
Track 1: das zu auszubringen und sich nicht so schnell abtun lassen als Idealisten oder
Track 1: als, es gibt ja so ein neues Schimpfwort, Gutmenschen.
Track 1: Und dagegen kann man ganz gut argumentieren.
Track 1: Auch da sind Stiftungen eine gute Stimme, weil sie auch Gruppen in der Gesellschaft
Track 1: helfen können, sich zu Wort zu melden.
Track 1: Und nicht darauf zu warten, ob das jetzt alle gut finden. Es gibt nichts,
Track 1: was alle gut finden und das wissen wir und deshalb ist sozusagen die Verlebendigung
Track 1: einer Gesellschaft etwas ganz Wichtiges.
Track 1: Und in dieser Hinsicht sage ich dann, ich mache mir keine Sorgen, dass das möglich wird.
Track 1: Und es muss nur getan werden und nicht besorgt und entsetzt zugucken,
Track 1: wie sich eine Radikalisierung vorzieht, die die Gesellschaft zutiefst spalten wird.
Track 1: Und wenn der Spalt mal tief genug ist, wenn dann so richtige Klüfte deutlich
Track 1: werden, dann wird es schwer, noch Brücken zu bauen.
Track 1: Sie haben gerade schon das Schlagwort genannt, Demokratie, da muss auch was mit Bildung passieren.
Track 1: Das andere aktuelle Ereignis ist, dass gestern die PISA-Studie vorgestellt worden
Track 1: ist, die Ergebnisse für Deutschland.
Track 1: Da reden wir dann ja viel über Grundkenntnisse, Mathematik, Lesen, Schreiben etc. pp.
Track 1: Aber wo lernt man denn Demokratie? Ist das nicht auch in der Schule?
Track 1: Sie haben ja schon das Beispiel gegeben von Jugend debattiert,
Track 1: was so mit Schule passiert sozusagen.
Track 1: Wo sind für Sie die Orte, wo wir Demokratie lernen sollten, insbesondere die jüngere Generationen?
Track 1: Die Schule gehört dazu, Kinder und Jugendliche bekommen aber auch sehr genau
Track 1: mit, was Eltern sich so erzählen im Blick auf Politik und Demokratie,
Track 1: ihre Umgebung, die persönliche Umgebung.
Track 1: Und ja, was dann Demokratiebildung in dem Bildungskontext angeht,
Track 1: muss man nach dieser neuerlichen PISA-Studie sagen,
Track 1: wir hatten ja Zeiten nach der ersten PISA-Studie, da ging es aufwärts und da
Track 1: war Deutschland dann nach zehn Jahren im oberen Drittel.
Track 1: Und man muss sich jetzt fragen, wie konnte das passieren? Und das war weit vor Corona.
Track 1: Hat uns der lange Atem verlassen?
Track 1: Oder, wovon ich überzeugt bin, ist dieser Gesellschaft immer noch nicht wirklich
Track 1: klar, was Bildung für sie bedeutet?
Track 1: Wir haben mal den Begriff Bildungsrepublik geprägt.
Track 1: Das ist auch schon lange her. Aber offenkundig hat sich das ja nicht wirklich durchgesetzt.
Track 1: Denn gute Bildung kann Schule nicht allein leisten. Wenn jetzt wieder gesagt
Track 1: wird, man muss mehr Geld investieren, ja der Satz stimmt immer.
Track 1: Ich habe als Bildungsministerin immer gesagt, ich brauche mehr Geld, ja klar.
Track 1: Aber damit erhöhe ich noch nicht die Qualität.
Track 1: Dazu braucht es wirklich eine Gesellschaft, die bereit ist, auch Kindern deutlich
Track 1: zu machen. Das ist was ganz Wichtiges, das ist was Tolles.
Track 1: Damit sind Chancen verbunden.
Track 1: Wenn aber Lesen, Schreiben, Rechnen und Lesen, Schreiben, Rechnen,
Track 1: Lernen für spießig gehalten wird, weil gesagt, das kann man ja alles auch irgendwie
Track 1: auf dem Handy machen und irgendwie habe ich immer einen, der mich korrigiert.
Track 1: Dann wird da halt nichts draus und das Ergebnis haben wir jetzt auch.
Track 1: Und letzter Satz, jede Schule, jede Schulklasse ist mittlerweile eine internationale Gesellschaft.
Track 1: Jetzt zu sagen, naja, also die Migranten sind ja auch mit Schuld,
Track 1: dass wir so schlecht sind, ist schon bemerkenswert.
Track 1: Denn die Aufgabe der Gesellschaft, des Gemeinwesens, des Staates besteht darin,
Track 1: den Kindern und Jugendlichen, die eine Schule besuchen,
Track 1: gute Möglichkeiten zu geben, zu lernen, sich zu entfalten, begleitet zu werden, wenn sie das brauchen.
Track 1: Auch da gibt es in der Zivilgesellschaft viele, viele super Initiativen, die das tun.
Track 1: Also mehr Geld und Schulzuweisung nutzt jetzt gar nichts.
Track 1: Die Gesellschaft muss sich entscheiden, ob ihr das wichtig ist,
Track 1: ob Schulzeit wichtiger ist als Ferien oder Ferien wichtiger sind als Schulzeit
Track 1: und so weiter und so fort.
Track 1: Wenn Schule nicht Partner hat in der Stadt, in den Familien und wenn Familien,
Track 1: die sich damit schwer tun, nicht Begleitung haben in der Gesellschaft,
Track 1: dann wird sich nicht viel bewegen.
Track 1: Wie kann man denn Bildung und Demokratie miteinander denken?
Track 1: Also wie stark ist die Demokratie abhängig von Bildung?
Track 1: Oder wie hängt jetzt die aktuelle Radikalisierung und Individualisierung der
Track 1: Gesellschaft mit der Bildung zusammen?
Track 1: Kann man Demokratie lernen in der Schule.
Track 1: Demokratie braucht gute Erfahrungen.
Track 1: Man kann natürlich Spielregeln lernen. Die gute Debatte gehört dazu.
Track 1: Aber auch vieles andere, das zur Demokratie gehört, andere Meinungen,
Track 1: anhören und sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen.
Track 1: Respekt, was heißt das? Die Würde des Menschen ist unantastbar,
Track 1: eines jeden Menschen, nicht nur der Menschen, die mir passen.
Track 1: Das ist in jedem Schulgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert.
Track 1: Jedes Schulgesetz der 16 Länder hat eine wunderbare Aufzählung,
Track 1: was die Bildungsziele über Fächer hinaus sind.
Track 1: Und das sind alles Ziele, die darauf gerichtet sind.
Track 1: Demokratisches Gemeinwesen, Entfaltung der Menschen in einem demokratischen,
Track 1: Gemeinwesen, Bereitschaft zur Verantwortung.
Track 1: Die Regeln der Demokratie, die Spielregeln kann ich lernen.
Track 1: Demokratie muss ich einüben können. Ich erinnere mich, meine Schulzeit ist ja
Track 1: nun schon ein paar Jahrzehnte hier.
Track 1: Was haben wir gemacht damals? Das war Anfang der 70er Jahre.
Track 1: Ich war Schülersprecher und wir haben uns Politiker in die Schule eingeladen.
Track 1: Alle Mandatsträger mussten in die Schule kommen.
Track 1: Die Turnhalle war voll, die ganze Oberstufe saß da und wir haben mit denen diskutiert.
Track 1: Wir haben Politik als Schüler und Schülerinnen in die Schule geholt,
Track 1: haben mit der Schulleitung gesprochen und der Direktor hat gesagt,
Track 1: da finde ich eine super Idee, ich unterstütze euch, ich schreibe die Briefe
Track 1: an die Politiker und das war eine tolle Erfahrung.
Track 1: Ja, vielleicht gehört ja auch zu einem umfassenden Bildungsbegriff,
Track 1: dass ich den Wert von Fakten kenne und die Demut von Fakten.
Track 1: Ich glaube, es war Harald Lerch, der jetzt gesagt hat, die Gesetze der Physik,
Track 1: kann keine Politik gegen die Gesetze der Physik machen.
Track 1: Und das Ersetzen von Fakten und Gesetzen der Physik und anderen Gesetzen zugunsten von Gefühlten.
Track 1: Ist eine schlechte Entwicklung für die Demokratie. Weil über Gefühle kann ich ja schwer streiten.
Track 1: Ich kann ja nicht jemandem, der seine Gefühle vor allem als die Grundlage seiner
Track 1: politischen Entscheidung anseht, mit Argumenten kommen. Weil der sagt,
Track 1: du verstehst mich ja gar nicht.
Track 1: Umgekehrt gilt auch, Politik ohne Empathie verliegt die Leute.
Track 1: Ich vermute mal in Ihrer Arbeit jetzt auch für die Hertie Stiftung Und auch
Track 1: ansonsten einfach, ich gehe davon aus, so wie ich Sie erlebe,
Track 1: dass Sie das einfach auch interessiert, da begegnen Ihnen ja immer noch sehr viele junge Menschen.
Track 1: Was ist denn Ihr Eindruck? Sind die heute optimistischer oder sind die skeptischer,
Track 1: als noch vor zehn Jahren? Und wenn das eine oder das andere,
Track 1: haben Sie eine Erklärung dafür?
Track 1: Mein Eindruck ist, dass die jetzt ganz Jungen so sehr in Aufbruchstimmung sind,
Track 1: wie wir damals auch waren.
Track 1: Natürlich, Krieg mitten in Europa, viele Debatten, die sie erleben.
Track 1: Können auch verunsichern,
Track 1: tun das auch. Aber ich erlebe viele junge Leute, gerade wenn ich wieder an Jugend
Track 1: debattiert denke oder Jugend entscheidet auf der kommunalpolitischen Ebene,
Track 1: dann gibt es ganz viele, die sich einbringen,
Track 1: die was wollen und deshalb ist das keine schlechtere Zeit als vor 50 Jahren.
Track 1: Ganz wichtig finde ich das Generationengespräch. Und die, die in Verantwortung
Track 1: sind, müssen eben auch aufhören, so einen Grundton der Larmoyanz.
Track 1: Also vielleicht kann man sagen, es fühlen sich vielleicht zu viele als Opfer,
Track 1: die eigentlich in Verantwortung sind und von denen etwas auch ausgehen muss.
Track 1: Natürlich, es gab auch in früheren Jahrzehnten, wie sagt man,
Track 1: Brüche in unserem Fortschrittspessimismus.
Track 1: Also der Ölschock, die leere Autobahn, das Ozonloch und vieles andere,
Track 1: das für damalige Diskussionen und damalige Stimmung in der Gesellschaft ja wirklich.
Track 1: Zu Fortschrittspessimismus geführt hat. dass wir wirklich fanden,
Track 1: dass unser ganzes Fortschrittspathos unangemessen ist.
Track 1: Heute ist das anderes und die Selbstgespräche der Autokraten verwirren uns komplett.
Track 1: Dass der amerikanische Präsident zum Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt gratuliert,
Track 1: ist ja etwas, das für meine Generation irgendwie ein schlechter Film ist.
Track 1: Also es irritiert vielleicht uns viel mehr als die ganz Jungen,
Track 1: weil die noch viel unverbrauchter und auch sozusagen nicht mit so schon ganz
Track 1: festen Vorstellungen leben, sondern dabei sind sie, sich die Welt zu erobern.
Track 1: Und da bin ich sehr zuversichtlich, sie werden Wege finden,
Track 1: auch mit viel Leidenschaft für Demokratie und vielleicht aber auch mit mancher
Track 1: Korrektur, wo wir Dinge übersehen haben oder wie gesagt ein Pathos gepflegt haben,
Track 1: von dem die Jungen sagen, das ist ja vielleicht für euch ganz interessant gewesen,
Track 1: für uns ist es das überhaupt nicht.
Track 1: Da kommen wir zur Hoffnung.
Track 1: Ja, jetzt haben wir viele Herausforderungen gehabt. Was macht Ihnen denn trotz allem Hoffnung?
Track 1: Also zunächst einmal sehr persönlich gesagt, ich bin eine Christin und da ist
Track 1: die Hoffnung gleichsam in der DNA.
Track 1: Ich bin auch Rheinländerin, denen steckt es auch in der DNA.
Track 1: Aber jetzt darüber hinaus, ja, ein Blick auch in Jahrzehnte zuvor,
Track 1: die immer verbunden waren,
Track 1: auch große Krisen zu bewältigen.
Track 1: Nie mussten so viele Krisen bewältigt werden wie heute. Das ist ja auch ein.
Track 1: Bisschen unhistorisch. Und das Zweite, das ist die junge Generation.
Track 1: Ja, ich bin zutiefst davon überzeugt, da steckt so viel Kraft und Kreativität,
Track 1: und Bereitschaft, sich einzubringen, was Neues zu bauen.
Track 1: Und denken Sie daran, es gab Jahrzehnte, da hat man gesagt, junge Leute wollen
Track 1: vor allen Dingen in den öffentlichen Dienst.
Track 1: Da haben immer alle drüber geschimpft. Heute heißt es, junge Generation gründet
Track 1: so viele Start-ups wie nie zuvor.
Track 1: Ist doch ein super Zeichen. Und den Blick der Älteren für die Aufbruchssignale
Track 1: der Jungen, das macht mir zutiefst und deren Aufbruchssignale an sich,
Track 1: das macht mir viel Hoffnung. Schön.
Track 1: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welches können, sollte jeder junge Mensch
Track 1: mitbringen, wenn er die Schule verlässt?
Track 1: Leidenschaftlich debattiere. Sehr gut. Sehr gut.
Track 1: Und jetzt kommt wie immer so meine traditionelle Abschlussfrage für diesen Podcast.
Track 1: Sie haben ja schon ein bisschen was darüber erzählt, wo Sie Demokratie vor allem erlebt haben.
Track 1: Aber wann haben Sie das erste Mal mit Zivilgesellschaft Berührung gehabt?
Track 1: War das Kirche oder wo war das?
Track 1: Gruppen in der Kirche, in der Gemeinde.
Track 1: Ich bin ja auch eigentlich erst spät politisch tätig geworden,
Track 1: dann auch als Quereinsteiger und zuvor war das zivilgesellschaftlich auch im
Track 1: Laienkatholizismus zum Beispiel.
Track 1: Zum Schluss, in unserem Podcast kommen immer drei Aussagen, die man so häufig
Track 1: hört und die wir Michael und ich gerne gemeinsam einordnen nochmal.
Track 1: Und die erste Aussage ist, Demokratie lernt man in der Schule.
Track 1: Ja, dazu haben wir heute einiges gehört von Frau Schawan. Und Schule spielt
Track 1: eine zentrale Rolle. Demokratie entsteht aber genauso dort, wo Menschen Verantwortung
Track 1: übernehmen, diskutieren, Kompromisse finden und sich für andere engagieren.
Track 1: Im Verein, im Ehrenamt, in der Familie oder im Alltag. Also es ist so eine Interaktion
Track 1: auch zwischen Schule und Zivilgesellschaft.
Track 1: Demokratieförderung ist allein Aufgabe des Staates.
Track 1: Auch dazu haben wir ein bisschen was gehört. Und zwar, der Staat trägt sicherlich Verantwortung.
Track 1: Eine lebendige Demokratie braucht aber ebenso Stiftungen, Vereine,
Track 1: Initiativen und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Wir haben heute ja länger
Track 1: über den vorpolitischen Raum gesprochen.
Track 1: Denn dort passiert eigentlich die demokratische Erfahrung, bevor man dann auch
Track 1: in die Politik oder so einsteigt.
Track 1: Da sind wir gleich beim nächsten Punkt. NGOs sollten sich aus Politik heraushalten.
Track 1: Das scheint ein roter Faden in unserem Podcast zu sein. Zivilgesellschaft lebt
Track 1: davon, dass Menschen ihre Anliegen vertreten und sie einbringen.
Track 1: Bis dazu, dass sie eigentlich politische Diskurse vorbereiten,
Track 1: die dann am Ende in die Politik gehen.
Track 1: Entscheidend ist nicht, ob sie sich äußern, sondern wie. Transparent,
Track 1: demokratisch und im Rahmen der freiheitlichen Ordnung.
Track 1: Und das geht ja immer wieder einher mit dem anderen Wiederholenden,
Track 1: dass politisch sein, es ist relativ klar, Zivilgesellschaft sollte nicht parteipolitisch
Track 1: sein, aber sie darf sehr wohl politisch sein und das erlaubt ihr das Gemeinnützigkeitsrecht ja auch.
Track 1: Und von daher ist das schon ein wichtiger Debattenraum einfach.
Track 1: Das haben wir heute gehört. Michael, am Anfang dieser Folge haben wir gefragt,
Track 1: wie Menschen überhaupt zu demokratischen Bürgerinnen und Bürgern werden.
Track 1: Vielleicht beginnt Demokratie lange, bevor wir das erste Mal wählen gehen.
Track 1: Und jetzt müssen wir uns erstmal bei Frau Schawan bedanken. Das machen wir.
Track 1: Am ganzem Herzen. Vielen Dank.
Track 1: Das war wirklich sehr hilfreich und auch nochmal eine wichtige Einordnung,
Track 1: glaube ich. Dankeschön.
Track 1: Ja, wir haben gelernt, also Demokratie beginnt dort, wo Menschen lernen, zuzuhören.
Track 1: Verantwortung zu übernehmen, sich einzumischen, ohne Grenzen der Kritik zu überschreiten.
Track 1: Genau, und Demokratie ist deshalb nichts, was wir einmal lernen.
Track 1: Und da kommt immer der alte John Dewey rein, der ja schon sehr früh gesagt hat,
Track 1: dass man Demokratie immer wieder lernen muss, sondern etwas,
Track 1: das jede Generation neu lernen muss.
Track 1: Bis zur nächsten Folge der NGO-Debatte, denn sie geht uns alle an.