Zivilgesellschaft im Alltag

Shownotes

"Natürlich wäre unser Gemeinwesen ohne freiwillige Feuerwehren und andere Vereine ganz allgemein überhaupt nicht vorstellbar. Es wäre ja total die Abkehr von unserer Demokratie."

In dieser Folge sprechen Victoria Strachwitz und Michael Seberich mit Johann Eitzenberger, Vorsitzender des Bayerischen Landesfeuerwehrverbands über zivilgesellschaftliches Engagement im Alltag, am systemrelevanten Beispiel der Feuerwehren. Es geht unter anderem um Engagementkultur und die dahinterstehenden Motivationen, sowie die Bedeutung von und Angriffe auf Blaulichtorganisationen.

Unsere Argumentationshilfen:

  1. Aufzählungs-Text „Warum braucht ein modernes Land überhaupt Ehrenamt? Wir haben doch den Staat.“ – Ohne Freiwillige wäre Sicherheit am Ende unbezahlbar. Wir brauchen sie, weil kein Staat ein System finanzieren kann, das so schnell, so flächendeckend und so verlässlich funktioniert wie Ehrenamt.

  2. „Die Feuerwehr, das ist doch nur Feuerlöschen.“ – Falsch. Feuerwehr bedeutet auch Kameradschaft und Kameradschaft ist am Ende der Klebstoff, der Einsätze überhaupt erst möglich macht. Hierbei geht es aber auch nicht nur um Feuer, sondern auch viele andere Katastrophen, Einsätze und vielseitiges Engagement.

  3. „Die sollen doch nicht so empfindlich sein. Ein bisschen Kritik gehört dazu.“ - Kritik ist kein Problem, aber systematisches Misstrauen trifft keine Institutionen, sondern Menschen, die nachts um 3 Uhr aufstehen, um anderen zu helfen. Und dieses Kribbeln, was wir da an der einen oder anderen Stelle sehen, wird hier gar nicht unbedingt immer so empfunden, da das Verhältnis zwischen Staat und Freiwilliger Feuerwehr gut ist.

Wichtige Quellen und Texte zur Folge:

Redaktionsschluss für die Folge war der 07.04.2026, 12:00 Uhr.

Impressum

Gefördert durch: Robert Bosch Stiftung und Schöpflin Stiftung

Eine Produktion von: Maecenata Stiftung und Wider Sense

Redaktion & Konzept: Victoria Strachwitz, Michael Seberich

Produktionsteam: Lisa Klisch (verantwortlich), Anna Henke, Ansgar Gessner, Sascha Nicke, Pauline Fritz

Gestaltung: Joerg Solzbacher, Lisa Klisch

Foto: Matthias Balk / BRK

Transkript anzeigen

Johann Eitzenberger: Natürlich wäre unser Gemeinwesen ohne freiwillige Feuerwehren und andere Vereine ganz allgemein überhaupt nicht vorstellbar. Es wäre ja die totale Abkehr von unserer Demokratie. Da wir froh, dass wir in einem freiheitlich demokratischen Land leben, wo sich die Bürgerinnen und Bürger engagieren. Ganz egal wie, gerne auch bei der freiwilligen Feuerwehr.

Sprecherin: Die NGO-Debatte. Ein Podcast von Victoria Strachwitz und Michael Seberich.

Victoria Strachwitz: Willkommen zur nächsten Folge von Die NGO-Debatte. Hier sind wir wieder, Michael Seberich und ich, Victoria Strachwitz. Wir haben in den letzten Folgen über Geld, Kontrolle, Neutralität, Misstrauen und politischen Druck gesprochen. Heute machen wir was anderes. Wir gehen dorthin, wo Zivilgesellschaft nicht diskutiert wird, sondern passiert.

Michael Seberich: Genau, heute reden wir nicht über Vorwürfe, sondern über Menschen, die nachts drei aufstehen, wenn wir alle schlafen, die genau dorthin rennen, wo andere rausrennen und die das ehrenamtlich freiwillig tun.

Victoria Strachwitz: Die Frage, die uns beschäftigt ist, warum machen Menschen das? Was treibt sie an? Und wie selbstverständlich ist das für den Rest von uns? Unser Gast verkörpert Engagement wie kaum ein anderer. Johann Hannes Eitzenberger, Vorsitzender des Bayerischen Landesfeuerwehrverbands, ist seit über 40 Jahren ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Dazu war er jahrelang Kreisbandrat, ebenfalls ehrenamtlich. Hannes, schön, dass du da bist.

Johann Eitzenberger: Okay, ich freue mich auch.

Victoria Strachwitz: Hannes, erzähl uns doch gleich mal, warum bist du denn bei der Feuerwehr?

Johann Eitzenberger: Ja, es gibt ja viele Wege, zur Freiwilligen Feuerwehr führen und bei mir war das eine ganz klassische kindliche Prägung, sprich Opa, Onkel, der Vater nicht. Sagt man auch meistens, setzt eine Generation aus, waren bei der Freiwilligen Feuerwehr und so hat mich das bewogen dann immer als 18-Jähriger der Freiwilligen Feuerwehr Parkenkirchen beizutreten.

Michael Seberich: So, Hannes, jetzt musst du uns helfen mit den Zahlen, weil du vertrittst 7.700 Feuerwehren in Bayern. Und darunter sind dann aber auch die Berufsfeuerwehren, die Werksfeuerwehren, aber vor allem 7.500 freiwillige Feuerwehren. Was dabei immer ganz viele übersehen ist, dass das ja von den Feuerwehrleuten alles ehrenamtlich gemacht wird. Warum gibt es eigentlich nicht überall flächendeckende Berufsfeuerwehren?

Johann Eitzenberger: Das ist eigentlich ganz einfach erklärt. Zum einen hat sich unser organisiertes Feuerlöschwesen historisch entwickelt, fußend aus den Brandereignissen, insbesondere im Mittelalter. Und letztlich kam es dann Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gründung der ersten Feuerwehren. Darum haben wir jetzt die ältesten 175-jährige Jubiläen, viele 150-jährige in diesen Jahren. Und die Feuerwehren haben sich als bürgerschaftliche Vereinigungen gegründet aus der Not heraus, dass man einfach zusammenhelfen muss, die großen Stadt- und Marktbrände eben deren Herr zu werden und da einen Löscherfolg zu haben. Und damit waren die Freiwilligen Feuerwehren zuerst gegründet und erst dann hat sich eben gezeigt, dass es auch damals schon vielleicht die, ja... Einsatzmöglichkeiten der Freiwilligen übersteigt, rund die Uhr immer Dienst zu leisten. Und darum hat sich es dann so entwickelt, dass insbesondere in den Großstädten Berufsfeuern entstanden sind. Und davon haben wir jetzt aktuell in Deutschland 114 und 7 in Bayern. Aber die anderen deutschen Zahlen, wir haben in Bayern 7500 freiwillige Feuerwehren mit über 330.000 Aktiven. Und in Deutschland haben wir ja an die 50.000 Freiwillige Feuerwehren mit über einer Million aktiven Frauen und Männern, die da Dienst leisten.

Michael Seberich: Wenn ich jetzt pfeifen könnte, würde ich pfeifen. Also das ist schon Wahnsinn. Aber ich muss auch sagen, das Wort organisiertes Feuerlöschwesen, das habe ich vorher auch noch nie gehört.

Victoria Strachwitz: Das Wort ehrenamtlich war bei Ehrenamtlern eine ganze Zeit lang sehr unbeliebt, weil die gesagt haben, es ist weder Ehre noch Amt. Wenn das jetzt alles eben nicht mehr freiwillige Ehrenamtliche machen würden, sondern wenn das alles eine Berufsfeuerwehr wäre und alle würden hauptamtlich arbeiten, könnten wir uns das überhaupt leisten? für Abstriche müssten wir machen?

Johann Eitzenberger: Er ist auch vollkommen richtig und gut. Erstens könnten wir es uns nicht leisten. Ich da gerne ein Beispiel geben, wenn man nur von einer Mindeststärke einer Feuerwehr, die in Funktionen organisiert ist, eine Löschgruppe, es sind neun Dienstleistende, wenn man das auf Personalvollkosten heute mal runter bricht, dann hätten wir für einen voll Beschäftigten im Jahr selbst wenn wir nur 50.000 Euro nehmen, das ist eher schlecht bezahlt, wir besser 100.000. Bei 27 wären das sofort 2-3 Millionen Personalkosten pro Jahr für einen kleinen Ort. Also das ist ziemlich utopisch. Und das zweite, aber viel wichtigere Argument, wir könnten die Qualität der Hilfeleistung in der Fläche so nicht leisten. Dadurch, dass es historisch gewachsen wirklich in jedem fast muss man sagen noch so kleinen Dorf, in jeder Gemeinde, Markt, Stadt eine freiwillige Feuerwehr gibt. ist halt auch die Schnelligkeit gegeben und es ist möglich, man brennend wirksam bekämpft, aber genauso natürlich auch Unfallrettung, technische Hilfeleistung in einer definierten Frist leisten kann.

Michael Seberich: Das geht ja schon einher mit der Frage, die mir auch dann durch den Kopf geht. Man muss ja innerhalb von zehn Minuten soll die Feuerwehr eigentlich beim Notfall vor Ort sein. das ist zumindest das, was ich jetzt nochmal nachgelesen recherchiert habe. Dann springen also eher, also ich kenne das auch, ich komme aus einem kleinen Dorf in Münsterland und dann springen die Leute sozusagen von ihrem Traktor runter oder der Elektriker lässt alles links liegen. Und dann geht es so schnell wie möglich eben zum Einsatzort bzw. zur Feuerwehr. Bei Ihnen war das ja auch oder bei dir war das ja auch lange so. Und dann parallel dazu hast du in der Verwaltung in Garmisch-Partenkirchen gearbeitet. Wie viele Einsatz- und Fortbildungsstunden leistet denn dann so ein freiwilliger Feuerwehrmensch im Jahr?

Johann Eitzenberger: Ich gehe davon aus, dass der überwiegende Großteil aller freiwilligen Feuerwehrdienstleistenden danach nicht fragt. Weil man ist einfach aus Überzeugung dabei und da wird keine Stunde oder keine Minute aufgeschrieben. Wir haben aber in der Tat das Problem, das war jetzt bei mir und ist bei mir nicht so tragisch, da ich in der Verwaltung gearbeitet habe, aber die Vereinbarkeit des Ehrenamts mit dem Beruf und mein Das Paradebeispiel ist immer, weil auch wir in unseren aktiven Reihen einen Zahnarzt haben. Der Zahnarzt, wenn gerade in einer Behandlung ist und vielleicht gerade den Bohrer angesetzt ist und es geht der Pipsa, da wäre der Patient vielleicht nicht so begeistert, wenn er jetzt alles liegen stehen würde und sofort zum Gerätehaus eilt. Und darum ist es auch so organisiert, dass eben jede Position dreifach besetzt ist. Und das heißt, es ist nicht erforderlich, dass auch jeder immer kommt. Und das funktioniert überwiegend sehr gut. Dann sind wir wieder bei den Berufsfeuerwehren, dass das da nicht vorkommt und 100 Prozent sichergestellt ist, haben natürlich die Berufsfeuerwehrleute, wenn sie Wachdienst haben, auch die Verpflichtung sofort da zu sein. Aber im überwiegend freiwilligen Bereich, toll, toll, toll, das auch. die Qualität, die Bürgerinnen und Bürger, die ihre Hilfe brauchen, die Not geraten sind. erwarten dürfen und das unterscheidet sich auch im freiwilligen, im beruflichen Bereich nicht.

Michael Seberich: Und wie kommt ihr dann auf solche Standards, dass man dann sagt, da müssen auf jeden Fall immer drei sein, sodass man, ist das einfach gelernte Praxis, also wie entstehen?

Johann Eitzenberger: Das hat sich auch entwickelt. Also die sogenannte dreifache Besetzung ist ebenso eine Planungsgrundlage wie die genannte zehnminütige Hilfsfrist. ist auch eine, ja, ist eine Planungsgröße, das ist kein Absolutum, es ist auch aktuell wieder in der Diskussion, dass es verschiedene Interpretationen gibt und ja, da gehört dazu eben, ist die Einsatzstelle an einer öffentlichen Straße gelegen, wie groß ist das Grundstück und in welches Stockwerk eines Hauses muss ich, den Einsatz zu leisten. Aber grundsätzlich, sage ich mal, gilt, auch wenn es ein unbestimmter Reffizbegriff ist, die Feuerwehr muss so schnell wie möglich natürlich helfen können. Und dafür gibt es auch die entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen.

Victoria Strachwitz: Im Zuge unserer Vorbereitung wurde uns gesagt, die Freiwillige Feuerwehr ist wegen ihrer hoheitlichen Aufgaben eine kommunale Körperschaft und formal keine Zivilgesellschaft. Gleichzeitig erleben viele sie aber genauso als Ort, Gemeinschaft stiftet. Wie siehst du das? Gehört die Feuerwehr zu Zivilgesellschaft oder nicht?

Johann Eitzenberger: Absolut, jetzt geht es natürlich sehr, wenn ich jetzt für Bayern widerspreche, sehr ins Detail, denn da haben wir tatsächlich diese Dualität, dass jede Feuerwehr die aktive Mannschaft getragen wird vom Feuerwehrverein, der natürlich selbstverständlich Teil der Zivilgesellschaft ist, und dass aber die Menschen, die in diesem Feuerwehrverein sind, die hochheitliche Aufgabe, Sicherstellung des Brandschutzes und technischen Hilfsdienstes als öffentliche Einrichtung der Gemeinde übernehmen. Es ist das Rechtliche so. Und es bringt natürlich leider, ich denke wir kommen ja auch noch drauf, heute mit sich, dass obwohl originär bürgerschaftlich, freiwillig, unabhängig, weltanschaulich neutral, die Feuerwehrleute insbesondere im großstädtischen Bereich eben als Teil der Staatsgewalt wahrgenommen werden. Und da wird es dann mitunter schwierig.

Victoria Strachwitz: Bist du gerne oder wird die Feuerwehr gerne als Teil der Staatsgewalt wahrgenommen?

Johann Eitzenberger: Ich würde es anders formulieren. Ich denke nicht, dass die Feuerwehrleute ein Problem damit haben, öffentliche Aufgabe für die Gemeinden, Brandschutz und Technischen Hilfsdienst sicherzustellen, zu übernehmen und damit auch als Teil der Staatsgewalt wahrgenommen zu werden. Da hat keiner ein Problem. Schwierig wird es halt, wenn Gewalt gegen Einsatzkräfte geübt wird. Aus welcher Motivation heraus auch immer, damit quasi nur, weil man diese freiwillige Funktion jetzt hat. ja, negative Erfahrungen teilen muss.

Michael Seberich: Wenn du schon darauf ansprichst, ist das denn wirklich schlimmer geworden? Das hatten wir einmal im Gespräch mit Herrn Meyer von der CSU, der auch nochmal sehr massiv darauf hinwies, dieses Bedürfnis da anderen Schutz zu bieten für eben die Feuerwehr, für die Polizei und für andere aktuelle... Hat sich da was verändert in unserem gesellschaftlichen Ton?

Johann Eitzenberger: Ich denke mal, dass grundsätzlich eben unabhängig davon, ob das mit Einsatzkräften gleich von welcher Organisation zusammenhängt, dass es sich natürlich Veränderungen in der Gesellschaft ergeben. Dass wir vielleicht auch sensibler geworden sind, dass die Medien mehr darüber berichten. Das erfahren wir auch rund den Globus, Gott sei Dank, muss man sagen. Ja, klare Aussage. Also jeder, bewusst oder unbewusst Rettungskräfte, Einsatzkräfte, formuliere es mal so blöd anmacht oder noch schlimmer tätlich angreift, das geht natürlich überhaupt nicht. Und ich denke immer, dass all die, und das spielt eben auch keine Rolle, ob beruflich oder freiwillig, es sind, man ist ja im Einsatz. selbst bei so einem einfachen Beispiel wie einer Straßensperrung, ja. wird die schon ihren Grund haben. Aus Willkür passiert das ja nicht. Und darum denke ich, dass jeder, da nicht das Richtige tut, halt bewusst sein müsste, auch er kann einmal in die Lage kommen, dass er diese Hilfe braucht.

Michael Seberich: Bei Feuerwehr denken immer erst mal alle an Feuer oder an Flammen. Ist aber so, wie du gerade schon gesagt hast, da muss man eine Straßensperrung machen, man muss Verkehrslenkung machen. Ihr helft dabei, Vermisste zu suchen. Die technische Hilfe hast du wiederholt angesprochen. Wie geht man mit Gefahrgütern Vieles davon sind ja auch in anderen Ländern zum Teil auch wirklich staatliche Kernaufgaben. Wir haben jetzt schon ein bisschen darüber gesprochen, warum das eigentlich in der Fläche vermutlich alles ehrenamtlich freiwillig ist. ist das einfach eine sehr viel Fortbildung etc., pp.? Dass man mit dieser Verantwortung, es ja schon viel Verantwortung, die da ehrenamtlich übernehmen. Wie geht ihr damit

Johann Eitzenberger: Ja, das ist sicher nicht immer einfach. gerade wenn jetzt zum Beispiel im angesprochenen Gefahrgutbereich, dass er wirklich besondere Herausforderung darstellt, hat man zum einen die Unterstützung der Berufsfeuerwehr, das auf alle Fälle. Es gibt zum Beispiel die sogenannten Analytischen Task Forces, die über ganz Deutschland verteilt sind, wenn es also die Identifizierung von gefährlichen Stoffen und Gütern geht. Dann ist es auch so, dass das natürlich nicht alle freiwilligen Feuerwehren diese Aufgaben haben. Da gibt es also auch in jedem Landkreis Stützpunkte, die dann wieder eine Spezialaufgabe übernehmen. Ich denke, das ist auch richtig, weil das kann nicht sein. das nach wie vor, die Kernkompetenz ist natürlich das Brände-Röschen. Und das ist nach wie vor auch immer noch eben das Wichtigste, dass man sich vor Ort, und wenn es nur ein kleiner Zimmerbrand ist, wenn es dass man da entsprechend gut reagieren kann. Und am besten auch das entscheidend mit Umluft unabhängigem Atemschutz, denn das ist, ich sag mal, ab da beginnt richtiger Feuerwehrdienst. Grundausbildung, Atemschutzgerätiträger, Gerätiträgerin, dann ist erstmals effektive Hilfe bei einem Brand möglich.

Michael Seberich: Jetzt hast du das vorhin schon angedeutet, dass Fachkräftemangel bei euch auch ein Thema ist. Oder zumindest habe ich das so rausgehört. Wie motiviert ihr denn junge Menschen sich zu engagieren? Ist das einfach so, wie du es von dir selber erzählt hast, ich bin da irgendwie reingewachsen und dann war ich dabei. So kenne ich das auch von da, wo ich groß geworden bin. Müßt ihr heute aktiv auf junge Menschen zugehen, zu sagen, hier Feuerwehr ist eine Option?

Johann Eitzenberger: Ja, absolut. also in Bayern weiß ich es sehr genau. Da gibt es jährliche Kampagne zusammen mit dem Innenministerium. Immer wieder unter einem bestimmten Motto auch, Nachwuchswerbung zu betreiben, auch die Freiwilligkeit des Feuerwehrwesens zu betonen und auch klar zu machen, dass jede und jeder herzlich willkommen ist. müssen neue Zielgruppen angesprochen werden. Natürlich ist immer Kinder, Jugendliche. unglaubliches Erfolgsmodell in Bayern mit den Kinderfeuerwehren. 35.000 6- bis 12-Jährige, ja, das ist der Unterschied. Zu meiner Zeit gab es keine Kinderfeuerwehr. Mich hat es aber trotzdem auch als Kind schon fasziniert und konnte es dann nicht erwarten, bis es endlich möglich war, zur Feuerwehr zu gehen. bei den Jugendlichen schaut es ähnlich aus, aber es ist natürlich unabdingbar, dass wir erstens auch die Sprache der Jugend sprechen, dass man die Medien nutzen, die die Jugend spricht. Und da passiert sehr, sehr viel. Und das trägt alles dazu bei, dass die Zahlen nicht nur in Bayern, sondern denke ich auch im übrigen Bundesgebiet und abgesehen von immer, es gibt immer mal regionale oder lokale, vielleicht, ja, schwierigere Situationen. Aber auch das lehrt die Erfahrung. Das können mal ein paar, ja, tatsächlich dyriale sein, aber dann kommt wieder ganz ein Schwung an Nachwuchs und dann geht es gut weiter.

Michael Seberich: Ist das denn neben der Neugierde, Feuerwehr hat natürlich auch was mit Verantwortung, Abenteuer etc., pp., wobei ich vermute mal, du würdest es wahrscheinlich nicht als Abenteuer bezeichnen. Aber wie ist das denn mit der Anerkennung? Spielt das auch eine wichtige Rolle? Also was für eine öffentliche Anerkennung ich damit auch habe? Und funktioniert das immer noch gut in unserer Gesellschaft?

Johann Eitzenberger: Also das denke ich nach wie vor. Die Feuerwehren, gibt ja immer wieder Umfragen, haben ja schon ein gutes Standing in der Öffentlichkeit. Und ja, es gibt zwei wichtige Vokabeln, die das widerspiegeln. Das ist die Technik und das ist die Kameradschaft. Und natürlich kann man wahnsinnig viel lernen. Ich betone das natürlich auch bei den Hilfsorganisationen, beim THW, unseren befreundeten Organisationen. Bergwacht in Bayern, ganz stark, ganz egal, wer das ist. Und man stellt sich damit in den Dienst seiner Mitmenschen. Und natürlich ist es schön, man ein Feedback bekommt nach einem gelungenen Einsatz. ein Dankeschön, denke ich, ist immer die größte Motivation für alle.

Victoria Strachwitz: Man spürt sich wahrscheinlich auch bisschen selbst, Wenn man da so, was man bewirken kann, wenn man da Mitglied wird.

Johann Eitzenberger: Bei der jährlichen Reflexion, was können wir denn noch tun, dass wir noch mehr Menschen ansprechen, kommt schon immer wieder zum Ausdruck, es ist die Verwurzelung in der örtlichen Gemeinschaft. In dem Ort, wo man gerade wohnt, darum ist es also wichtig, was leider selten so gelingt, neu Zugezogene auch dazu zu bewegen. Schau doch mal bei deiner Feuerwehr vorbei, da kannst du auch Dienst tun. Wenn du bei der Feuerwehr bist, dann bist du dabei, dann bist du wirklich Teil dieser örtlichen Gemeinschaft, weil das nach wie vor so ist, das ist natürlich ein Großteil. das kenne ich wirklich, weltweit sind dort auch Menschen da, die halt große örtliche Verwurzelung haben. Das ist auch sehr gut, eben die Ortskenntnis zu haben. Und genauso wichtig ist es aber auch, dass wir eben offen sind, wirklich für alle, für neu Zugezogene, für Menschen mit Migrationshintergrund. Und ich sage schon, dass das funktioniert.

Michael Seberich: Es ist ja einer der Gründe, weshalb wir diesen Podcast mal angefangen haben. Es ist im Moment auch eine ganze Menge politischen und auch medialen Gegenwind für die Zivilgesellschaft gibt. Ist das denn etwas, was ihr auch erfahrt, also dass ihr das merkt oder dass wenn ihr mit den, wie heißen sie so schön, das haben wir ja auch gelernt, mit den anderen Blaulichtorganisationen sozusagen im Gespräch seid, dass diese kritische Betrachtung auf Zivilgesellschaft als eine Zivilgesellschaft, die an der einen oder anderen Stelle dann auf einmal auch politisch etwas einfordert oder so was, dass das etwas ist, wo ihr auch da eine Reibung erlebt oder ist das etwas, das merkt ihr gar nicht so, weil ihr so beschäftigt damit seid, zu gucken, das nächste Löschfahrzeug zu organisieren bzw. nächste Ausbildung zu machen etc.

Johann Eitzenberger: Nein, da sind wir schon sensibel und wachsam. Und ich kann das aber so nicht bestätigen, sondern ich sehe uns schon in einer sehr, sehr guten Partnerschaft und auch in einem guten Netzwerk, auch mit den Regierungsorganisationen und zusammen mit den Nichtregierungsorganisationen. Und ich möchte nicht unterschreiben, sondern ich denke schon, dass es ganz, ganz wichtig ist. Gerade in Bayern, haben wirklich einen guten Zusammenhalt innerhalb der Organisationen und auch zusammen mit den staatlichen und behördlichen Stellen. Und da merke ich schon ganz, ganz stark das Bewusstsein, dass das jedem klar ist, dass man gerade in unserer heutigen Welt erfahren, dass jeden Tag, was sich verändert, geht es nur so, dass man im Kern eine stabile Zivilgesellschaft hat. Und da sind, denke ich, mal unsere Feuerwehren an erster Stelle mit dabei, dass sie ein ganz wichtiger Stabilitätsfaktor in Bayern, in Deutschland sind.

Victoria Strachwitz: Wie ist denn das, wenn jetzt die Kommunen immer weniger Geld haben? Was bedeutet das für die Feuerwehren? Also ich glaube, die Feuerwehr Miesbach war das neulich, die irgendeinen Mannschaftsbus wollte und der Gemeinderat hat gesagt, das können wir nicht. Und dann kam ein Privatmann, hat gesagt, ich mach das schon.

Johann Eitzenberger: Ich habe die Ehre, dass ich auf der einen oder anderen Veranstaltung zu Gast sein darf. Und so war es gestern Abend beim Neujahrsempfang des Stadtfeuerwehrverbands München. Und der Oberbürgermeister Dieter Reiter, der formuliert, wie viele andere Kommunalpolitiker auch, immer, die Feuerwehr ist uns lieb und teuer. Und lieb, das freut uns natürlich. Und teuer ist natürlich auch klar, dass der Sachaufwand, den die Kommunen eben tragen müssen, dass der da ist. Aber ich denke schon, dass auch in Zeiten, wo vielleicht die öffentlichen Haushalte knapper sind, dass auch da gemeinschaftliches Bewusstsein da ist, dass das Notwendige gekauft wird, dass man, wie es jetzt zum Beispiel in Bayern der Fall ist, Löschfahrzeuge im Wege einer Sammelbeschaffung, günstige Preise zu erzielen, beschafft werden und nicht nur individuell. immer als Einzelanfertigung. Das ist vielleicht ein Weg in der Zukunft, den man diskutiert, aber ich sehe auch da, dass da ein ganzer guter Dialog da ist und immer wieder schon Ergebnisse erzielt werden und die Feuerwehren in Deutschland schon gut aufgestellt sind und es auch bleiben werden.

Victoria Strachwitz: Aber dann ist es schon Aufgabe des Staates, zumindest die Technik zu besorgen. wenn schon alle das andere Freiwillige ist.

Johann Eitzenberger: Ja, ganz klar. Also, wieder für Bayern gesprochen, da kenne ich mich noch am besten aus. Natürlich kaufen die Gemeinden die Feuerwehrfahrzeuge, für die Gerätehäuser verantwortlich. Aber sie bekommen natürlich Hilfe vom Staat durch Zuschüsse. Der Staat gewährt Zuschüsse. ja, aktuell freue ich dass ich jetzt in Berlin bin. Natürlich arbeiten wir auch daran, dass vielleicht der Bund im Feuerwehrwesen und dann geht es auch ganz dezidiert den Anteil des Feuerwehrwesens im Katastrophenschutz. Wir sind ja ein ganz wichtiger Teil im Katastrophenschutz, Zivilschutz und Bevölkerungsschutz, der immer wichtiger wird und dass es in Zukunft gelingt, dass vielleicht auch der Bund da noch stärker, es gibt auch Feuerwehrfahrzeuge, die vom Bund beschafft werden und in den Ländern stationiert werden, aber dass da zukünftig So sehe ich es durchaus, der Bedarf ist, dass auch von Seiten des Bundes noch mehr kommt.

Victoria Strachwitz: Im Katastrophenfall, funktioniert das mit den anderen Organisationen, zivilgesellschaftlichen Organisationen immer reibungslos oder bräuchte es da auch irgendjemand vom Staat, der das koordiniert oder wer koordiniert insgesamt sowas? das ehrenamtlich?

Johann Eitzenberger: ist klar geregelt und funktioniert auch aus meiner Erfahrung aus vielen Jahrzehnten als sogenannte im Voraus benannte örtliche Einsatzleiter. Und wir haben ausgehend von den großen Hochwasserkatastrophen, die in Bayern und auch in unserem Landkreis 1999 waren, hat sich da sehr viel getan. Und wir haben zum Beispiel diese Funktion des im Voraus benannten örtlichen Einsatzleiters. Paritätisch besetzt aus Reihen des Roten Kreuzes, des THWs und der Feuerwehren. War man denke ich eine der ersten. Das hat sich aber schon durchgesetzt. Man macht gemeinsam Schulung, Ausbildung, Übungen und darum funktioniert das im Einsatz wirklich reibungslos.

Michael Seberich: Ich habe jetzt schon einiges gelernt und jetzt ist so meine Standardfrage am Ende ist immer noch, wo hast du denn dich das erste Mal zivilgesellschaftlich engagiert? War das auch dann gleich die Freiwillige Feuerwehr oder gab es noch ganz andere Themen, die dich lange umgetrieben haben?

Johann Eitzenberger: Das ist ganz einfach. Nachdem es die Kinderfeuerwehr noch nicht gab in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, bin ich mit fünf Jahren zum Sportverein gegangen, zum Turnverein. Das war meine erste Berührung mit dem Vereinswesen, ganz klassisch.

Michael Seberich: Dankeschön erstmal.

Victoria Strachwitz: Vielen Dank. Wir haben immer Argumentationshilfen. Wir stellen Behauptungen auf. Warum braucht ein modernes Land überhaupt Ehrenamt? Wir haben doch den Staat.

Michael Seberich: Das haben wir jetzt ja von Hannes gelernt, weil kein Staat ein System finanzieren kann, das so schnell, so flächendeckend und so verlässlich funktioniert wie er anahmt. Ohne Freiwillige wäre Sicherheit am Ende unbezahlbar.

Victoria Strachwitz: Die Feuerwehr? Das ist doch nur Feuer löschen.

Michael Seberich: Das ist nicht so. Feuerwehr ist auch Kameradschaft und Kameradschaft ist am Ende auch der Klebstoff, der Einsätze überhaupt erst möglich macht. Und dass es hier nur Feuer geht, das ist auch sehr deutlich geworden, dass es viele andere Katastropheneinsätze, Engagement geht.

Victoria Strachwitz: Die sollen doch nicht so empfindlich sein. Ein bisschen Kritik gehört dazu.

Michael Seberich: Das haben wir auch mitbekommen. Handel ist es ja sehr streitbar. Kritik ist kein Problem. Aber systematisches Misstrauen trifft keine Institution, sondern Menschen, die nachts drei aufstehen, anderen zu helfen. Und hat ja auch sehr deutlich gesagt, dieses Kribbeln, was wir da an der einen oder anderen Stelle sehen, die gar nicht unbedingt immer so empfinden, weil das ganz gut läuft zwischen Staat und freiwilliger Feuerwehr.

Victoria Strachwitz: Aber es bedarf Respekt vor der Feuerwehr. Das haben wir gelernt.

Johann Eitzenberger: Absolut. Und eines ist mir noch ganz wichtig. Natürlich wäre unser Gemeinwesen ohne freiwillige Feuerwehren und andere Vereine ganz allgemein überhaupt nicht vorstellbar. diese Frage könnte man sich das... Also ich kann und ich will es mir gar nicht vorstellen, warum. Es wäre ja die totale Abkehr von unserer Demokratie. Sind wir froh, dass wir in einem freiheitlich demokratischen Land leben, wo sich die Bürgerinnen und Bürger engagieren. Ganz egal wie, gerne auch bei der Freiwilligen Feuerwehr. Aber wenn es nur eine Staatsfeuerwehr gäbe, dann ist natürlich der Schritt hin zu einer Diktatur oder einer monopolistischen Machtstruktur schon sehr weit. Und die Feuerwehren verkörpern natürlich in all ihren Strukturen demokratische Prinzipien. Wir wählen die Kommandanten, wir wählen die Gruppenführer. Vertrauensleute in den Feuerwehr verreinen. Ja, wir reden offen und gut miteinander und das ist ganz wichtig.

Victoria Strachwitz: Also man lernt schon auch Demokratie dann schon in der Kinderfeuerwehr sozusagen. Das war ein doch schöner Schluss.

Johann Eitzenberger: Ja. Also insbesondere bei der Kinderfeuerwehr beginnt das eine ganze spielerische Heranführung natürlich. Da legen wir Wert darauf, dass die Kinder noch keine Feuerwehrausbildung haben. Das beginnt dann bei den Jugendlichen ab 12 Jahren, manchen Bundesländern ab 10. Und bei der Ausbildung der Jugendfeuerwehrleute, ist ganz wesentliche Elemente Demokratie-Schulung im weitesten, aber im engeren Sinne. ihre Jugendbetreuer wählen oder gemeinsam abstimmen, wo machen wir unseren nächsten Ausflug hin und wie geht das. Und der eine möchte da, hinter anderem muss man sich auch einigen diskutieren. Also drum haben die Feuerwehren neben ihrer Erfüllung der hoheitlichen Aufgabe für die Gemeinden noch ganz ganz eine wichtige gesellschaftliche, bürgerschaftliche Funktion.

Victoria Strachwitz: Schöne Schlusswort. Das war also unser Blick in die Praxis. Jetzt interessiert uns, was schätzt du an deinem Ehrenamt? Oder sollten wir besser fragen, wann beginnst du mit deinem Ehrenamt?

Michael Seberich: Schreibt uns und abonniert uns. Die NGO-Debatte geht uns alle an.

Sprecherin: Das war die NGO-Debatte. Eine Produktion der Maecenata Stiftung und Wider Sense. Mit Victoria Strachwitz und Michael Seberich. Gefördert von der Robert Bosch Stiftung und der Schöpflin Stiftung.